Die Insel Trikeri

Die Epiphanie der Athene

Eine mythische Geschichte von Nisi Trikeri und eine unbekannte Begebenheit aus der Argonautenfahrt
von Michael Krämer 

Man weiß, dass die großen Helden Griechenlands sich versammelt hatten, um aus fernem Land das goldene Vlies zu holen, jenes Fell des Widders, der einst als Phrixos und Helle flohen, Helle abgeworfen hatte, dass sie ins Meer stürzte, das bis heute ihren Namen trägt: Hellespont. Der gewaltige Zeus-Sohn Herakles war unter ihnen, der sicher alle an Kraft überragte. Als Anführer wurde aber gewählt Iason, der seinen Sinn hatte bei dieser Reise.

Es war die erste große Expedition, von der Hellas weiß. Und niemand ahnte, welche Gefahren und Schrecken auf die Seefahrer warteten.. Was die Zukunft bringen würde – auch die Orakel und das Lesen in den Eingeweiden des eben geschlachteten Schafs gab keine Auskunft.

So verließ die Argo, jenes Schiff, das den Argonauten ihren Nahmen gab den Hafen von Kolcchis. Doch war den Helden das Wetter abhold. Noch im Golf trieb sie ein gewaltiger Sturm. um . In mächtigen Wirbeln fiel der Wind vom Pilion herab und drückte das Schiff an eine kleine Insel im Ausgang des Golfes. Diese Insel war den Seefahrern unbekannt, nur von Fasanen und Schildkröten bewohnt, belebt von Schlangen und allerlei kriechendem Getier, hatte sie nie die Aufmerksamkeit der Festlandbewohner auf sich gezogen.

Im Schrecken des Sturms nun versuchten die Seefahrer einen ruhigen Ort zu finden und gelangten glücklich in einen Windschatten, nachdem sie die Insel fast umrundet hatten. Es war eine kleine Bucht, die sie fanden. Und das Wasser lag dort ruhig wie ein Teich.

Ein lauterer Platz war es, den sie gefunden hatten. Und so verließen die Helden ihr Schiff und stiegen gerüstet an Land. Dort dankten sie zuerst den Göttern für ihre Rettung. Dann warf der Anführer Jason sich auf die Erde und schrie und flehte zu Athene, der Göttin der Weisheit, um Schutz und Hilfe.

Athene weilte gerade im großen Tempel ihrer Stadt, als sie das schallende Schreien Iasons mit weithin hörendem göttlichen Ohr vernahm. Mit dem schnellen Schritt, der nur der Gottheit eigen ist, eilte sie über Land zum Golf und stand schon bald an seinen Gestaden. Lauter und inständiger hörte ihr Ohr das Flehen Iasons. Helios, der Sonnengott, sah seine Schwester am Ufer des Golfs stehen und besorgten Blickes dem Rufen des Sterblichen lauschen.

Da legte er ihr einen goldenen Weg über das Wasser, den Athene also gleich betrat und göttlichen Schrittes die Insel erreichte. Gewaltig trat sie unter die Helden, gerüstet mit Helm und Spieß und Schwert und rief mit olympischer Stimme:

Schweigt ihr Sterblichen, euer Ruf hat mich erreicht. Und hört, was ich sage: 


Ihr werdet nach vieler Mühsal eure Reise glücklich vollenden. An fernem Gestade wartet Medea auf euch. Des Zaubers kundig hat sie Gewalt über Drachen und wütende Schlangen. Fleht sie um Schutz an, so wird sie euch helfen und wohlbehalten werdet ihr eure nichtsnutzige Beute nach Hause bringen.


Sie, die Priesterin, wird euch begleiten und ihr Land fliehen. Hütet euch aber, sie je zu beschämen oder zu verletzen... Sonst werdet ihr alle, und du Iason zuerst, an ihrer Rache verderben und zu Grunde gehen.

Sprachs und schritt über goldenem Steg übers Wasser zurück, und erreichte den hohen Olymp, die Heimat der Götter. Die dankbaren Helden errichteten einen Stein und schlugen mit bloßer Hand den Schriftzug SOFIA hinein, was in unserer Sprache Weisheit heißt. Darauf brach die Heldenschar auf und ein gütiger Wind führte sie hinaus aufs offene Meer. 

Weiter mehr als tausend Jahre später kamen wieder Menschen auf diese Insel. Siedler waren es, die der Reichtum an Ölbäumen auf der Insel angelockt hatte. Auch sie landeten in jener eben windstillen Bucht. Sie fanden den Stein er Weisheit, der längst verwittert und halb zerfallen war.

Und war doch wundersamerweise immer noch der Schriftzug zu lesen: SOFIA „Ein Himmelsstein“ sprachen die Siedler zueinander, „ein Zeichen“. Und so bauten sie dort, wo sie den Stein gefunden hatten, eine Kirche, der heiligen Weisheit gewidmet. Hagia, Sophia. So hieß dann auch bald die gesamte Bucht, an der die Menschen heil gelandet waren.

Noch als die Kirche verging in Erdbeben und Flut, behielt die Bucht ihren Namen. Und von der Kirche finden sich dort immer noch Säulen und Mauern. Und wer sie sucht, wird sie auch finden im Wasser.

Seiner Schwester Athene gedenkend und ihres nutzlosen Orakels und als Mahnung zur Furcht vor den Göttern legt bisweilen gegen Abend bei stiller See und schlafendem Wind Helios immer noch wieder den goldenen Steg übers Wasser.

Und wer genau hinschaut von der Bucht aus, sieht auf dem goldenen Steg bisweilen die längst zum Schatten gewordene Gestalt der Athene.